Der Laktose-Atemtest und seine Tücken

– von Martin Lipsdorf, am 13.01.2022

Mit diesem Artikel will ich Ihnen einerseits einen Einblick darin geben, wie der Laktose – Atemtest funktioniert. Mit diesem Test wird eine Laktoseintoleranz heute oft diagnostiziert. Während der Test einfach klingt – Sie trinken Laktose in Wasser und pusten in ein Röhrchen – zeigt die Erfahrung, dass, wie man sagt, der Teufel auch hier manchmal ein Eichhörnchen ist.

Dieser Artikel hilft Ihnen zu verstehen:

  • was der Laktose-Atemtest ist
  • wie er ausgewertet wird und was die Auswertung sagt
  • wann die Auswertung mit einer Prise Salz zu nehmen ist und Sie erneut das Gespräch mit Ihrem Arzt suchen sollten

Der Artikel greift dazu Überblicksartikel aus auf und versucht die wissenschaftliche Auseinandersetzung für Sie in die Praxis zu „übersetzen“, damit Ihnen im Zweifelsfall ein falscher Test erspart bleibt.

Das ist mir besonders wichtig, da aus meiner Erfahrung mit Betroffenen oft ein endloses Ausprobieren die Folge ist, manchmal jahrelange Symptome, bis die ersten Zweifel am Test entstehen und ein neuer Arzt oder eine Ernährungsberatung aufgesucht werden. Wo immer möglich möchte ich Ihnen das gern ersparen.

Wie finden ein Laktose-Atemtest statt?

Wenn Ihr Arzt eine Laktoseintoleranz vermutet, überweist er Sie zu einem Facharzt (einem Gastroenterologen), der die Messgeräte zur Durchführung einer Laktoseintoleranz – Diagnostik hat.

Da eine Biopsie in den seltensten Fällen infrage kommt und der Blutzuckertest (vielleicht zu Unrecht) als unzuverlässiger gilt, wird in der Regel der Laktoseatemtest durchgeführt.

Das Vorgehen ist recht einfach. Ihnen wird ein Glas mit Wasser und einer Menge von in der Regel 25g Laktose gegeben. Manchmal lesen Sie auch 50g in alten Büchern. Davon ist man aber abgekommen, denn wenn Sie eine Laktoseintoleranz haben, grenzt diese Menge an Folter. Heute werden 20g – 25g als freundlichere Dosis verwendet. In zeitlichen Abständen atmen Sie dann in ein Gerät und Ihr Arzt kann Ihnen noch am selben Tag die Diagnose mitteilen.

Deshalb funktioniert der Atemtest

Es wirkt zu nächst etwas merkwürdig. Wer lange schon Verdauungsprobleme hat, der dürfte sich beim Pusten wundern, warum.. nun .. an diesem Ende gemessen wird. Wie kann Ausatmen uns zeigen, ob der Bauch Sorge mit Laktose hat?

Verfolgen wir den Weg der Laktoselösung, die Sie im Test schlucken, durch den Bauch, dann wandert sie erst in den Magen, dann in den Dünndarm und zuletzt in den Dickdarm. Bei Menschen, die Laktose verdauen können, geschieht das im Dünndarm. Die Laktose wird dort zu einem großen Teil (nie zu 100 %) verdaut und vom Körper aufgenommen. Nur kleine Reste der Laktoselösung landen dann noch im Dickdarm, also eine Station weiter.

Bei Menschen, die eine Laktoseintoleranz haben, passiert im Dünndarm jedoch zu wenig – der Körper nimmt nur einen kleineren Teil der Laktose auf, denn er kann sie nicht verdauen. Viel mehr der Laktoselösung landet deshalb im Dickdarm.

Dort angekommen freuen sich viele gutartige Mikroorganismen über das Festmahl. Unser Dickdarm ist Heimat einer unfassbaren Zahl kleiner Helfer, die uns seit der Geburt begleiten. Darunter sind viele, die Laktose sehr gern essen. Das Problem: Ein Teil davon produziert unter anderem Gase.

Eins dieser Gase ist Wasserstoff, ein anderes ist Methan. In der Regel merken wir diese Gase ganz deutlich, wenn unser Bauch sich nach einer Milchmahlzeit aufbläht, krampft oder starke Blähungen uns im Miteinander mit Anderen zu schaffen machen.

Ein Teil dieser Gase geht jedoch einen unerwarteten Weg. Er wird über den Darm aufgenommen und über die Lunge wieder ausgeatmet. Diesen kleinen Teil der Gase misst der Atemtest, wenn Sie in das Röhrchen pusten.

Vertragen wir Laktose gut oder ist die Laktoseintoleranz nur schwach ausgeprägt, dann bekommen die Helfer nicht allzu viel zu naschen. Es entstehen nur wenig Gase. Aber: Es entstehen auch hier Gase.

Liegt dagegen eine Laktoseintoleranz vor, dann bekommen die Helfer im Darm reichlich Futter (hier erfahren Sie mehr dazu). Es entstehen über die Dauer von Stunden stark messbare Mengen Gas und wir wissen so: der Körper hat die Laktose nicht gut verdaut, viel mehr als normal kam im Dickdarm an.

So wird der Test ausgewertet – und was Sie dabei wissen sollten

Jedes Mal, wenn Sie in das Messgerät oder Röhrchen pusten, wird gemessen, ob aus der Laktose Gase entstanden und von Ihnen ausgeatmet werden. Die Konzentration der Gase steigt dabei mit der Zeit immer weiter an und erreichen oft nach 2–3 Stunden den Höhepunkt – dann ist klar: Hier ist etwas im Argen. Als Grenzwert gilt etwa bei Wasserstoff 20 parts per million (20 ppm).

Hierauf müssen Sie achten

1) Ihren Bauch

Immer wieder haben wir Kontakt zu Betroffenen, die sich jahrelang gequält haben und manchmal erst nach Jahrzehnten Klarheit finden. Der Grund: es wurde ein Laktose-Atemtest gemacht, der negativ ausfiel, also keine Laktoseintoleranz festgestellt hat. Dabei können sich die Betroffenen jedoch lebhaft daran erinnern, wie schlimm die Beschwerden nach der Laktoselösung waren. Ein neuer Test oder ein alternativer Test, etwa der Blutzuckertest, bringt dann plötzlich heraus: Es war doch und seit Jahren Laktose, die den Alltag so beschwert hat.

Es gibt viele Gründe für solche unglücklichen Fälle und einige davon klären wir gleich etwas auf. Es gibt aber einen einfachen Weg, wie Sie sich davor schützen können. Er ist mir sehr wichtig: Hören Sie auf Ihren Bauch.

Wenn Ihr Facharzt Sie ohne eine Auswertung nach Hause sendet und Sie erhalten per Brief oder von der Schwester ein Ergebnis, das keine Laktoseintoleranz zeigt, obwohl Sie Probleme haben, vereinbaren Sie unbedingt einen neuen Termin.

Sprechen Sie auch in einer persönlichen Auswertung Beschwerden an und helfen Sie Ihrem Arzt so dabei, den Test mit etwas Distanz zu sehen. Ein Test, der keine Laktoseintoleranz zeigt, kann schlicht falsch sein.

Bei der Verdauung von Laktose im Dickdarm entsteht nicht nur Wasserstoff, sondern auch das Gas Methan. Bis heute messen viele zugelassene Geräte allerdings nur Wasserstoff, nicht Methan. Produziert Ihr Bauch also statt Wasserstoff deutlich mehr Methan, dann misst das Gerät keinen Anstieg, obwohl Sie Symptome spüren.

Ihr Bauch kann hier wichtige Aufklärung leisten und hilft so dabei, eine Odyssee von Arzt zu Arzt zu vermeiden.

Geben Sie Ihrem Bauch also unbedingt eine Stimme.

2) Frühe Beschwerden

Manche Betroffene merken rasch nach der Einnahme der Laktoselösung ungewöhnliche Probleme. Der Oberbauch bläht, manchmal kommt es zu aufstoßen, nicht selten zu schmerzhaftem Stechen und Krämpfen.

Sie erhalten dann oft einen positiven Laktoseatemtest – also einen Test, der eine Laktoseintoleranz festgestellt hat. Bewaffnet mit allen Informationen machen sie sich daran, Ihren Alltag anzupassen und merken doch, dass nichts zu helfen scheint. Die Beschwerden bleiben. Manche Betroffene suchen dann nach versteckter Laktose in Lebensmitteln, denn sie wissen sich keinen Rat. Warum kommt es zu Beschwerden, wenn doch gar keine Laktose oder Milch enthalten war?

Diese schwere Zeit können Sie verhindern, indem Sie nicht nur auf Ihren Bauch hören, sondern auch schauen, was er Ihnen sagt. Wenn Sie die Laktoselösung trinken, dann muss die Laktose erst durch den Magen, denn Dünndarm und dann in den Dickdarm, um dort Beschwerden auszulösen. Manchmal jedoch kommt es schon im Dünndarm zu Problemen, die Sie oft deutlich spüren. Der Dünndarm liegt eine Station nach dem Magen und noch vor dem Dickdarm. Deshalb merken Sie die Probleme oft schneller nach der Einnahme.

Hier ist es wichtig Ihren Arzt zu informieren. Je nach Durchführung oder dann, wenn auch eine Laktoseintoleranz vorliegt, kann Ihr Arzt das nur schwierig aus den Werten lesen und ist im Zweifel froh über Ihren Hinweis. Möglicherweise liegt hier neben oder sogar statt einer Laktoseintoleranz eine sogenannte Dünndarmfehlbesiedlung vor. Gutartige Organismen sind hier in den Dünndarm gewandert und machen schon dort aus Laktose Gase, obwohl sie da nichts zu suchen haben.

Sprechen Sie Ihren Arzt auf frühzeitige Beschwerden an.

3) Die Durchführung

Bis heute gibt es verschiedene Haltung zur Frage, wie lange der Atemtest durchgeführt werden muss und wie oft Sie pusten sollen. Häufig wird der Test heute relativ kurz gehalten und nur wenige Proben genommen. Der Grund dafür liegt in der Auslastung der Arztpraxen und den Kosten. Das muss nicht notwendig zu Ihren Lasten gehen. Viel hilft nicht zwingend viel (das gilt auch für Laktase, das Enzym, das Laktoseintoleranten hilft).

Manche Autoren finden jedoch, dass nur etwas über 60 % der Patienten bereits 2 Stunden nach der Einnahme der Laktoselösung schon die höchste Menge Gas im Atem haben [vgl. 2]. Kurze Tests können dann dazu führen, dass bei Patienten, die eine Laktoseintoleranz haben, keine Laktoseintoleranz festgestellt wurde. Das nennt man falsch-negative Ergebnisse. Der Test findet etwas nicht, das da ist, weil diese Betroffenen erst später größere Mengen Gas ausgeatmet hätten.

Auch über den Zeitpunkt der Messungen – wann Sie also in das Gerät pusten – gibt es unterschiedliche Ansichten. Während eine Messung aller 15 min hilft, auch frühzeitige Probleme und einen Hinweis auf eine Fehlbesiedlung festzustellen, scheint mehr nicht zwingend besser zu sein. So finden andere Autoren, dass die Messung funktioniert, wenn sie nach 60, 90 und 120 min durchgeführt wird [3].

In einem gemeinsamen Artikel aus 2021 waren sich Experten daher zu 97 % einig, dass die Dauer 3-5h betragen sollte, wenn nicht vorher schon hohe Gasmengen gemessen wurden. Das löst das Problem, dass manche Betroffene mit Laktoseintoleranz zu früh heim gesendet werden. Eine Messung aller 30 min empfanden die Experten als zielführend, wobei eine Messung aller 15 min in Einzelfällen sinnvoll sein könnte, um auch Beschwerden wie die Fehlbesiedlung abzudecken [4].

Für uns Betroffene bedeutet das zunächst, dass wir bei aller Uneinigkeit klar sagen können, wann ein Test nicht verlässlich gemacht wurde. Zwei Messungen, etwa am Anfang und nach 60 min, reichen eher nicht aus, um eine Laktoseintoleranz auszuschließen. Wird der Test nur bis zu 2 Stunden durchgeführt, fallen auch zu viele Betroffene durch sein Raster. Leider ist beides nicht so selten, dass ich es Ihnen nicht mitgeben will: Kurze, sporadische Tests, die keine Laktoseintoleranz finden, haben im Zweifel nicht richtig hingeschaut.

Es soll Sie auch darin bestärken, Anwalt Ihres Bauchs zu sein. Sie merken, die Fachleute sind sich nur in groben Zügen einig und empfehlen eine Anpassung der Tests in Länge und Messhäufigkeit auf den Patienten.

Dazu braucht es Sie – Ihr Bauchgefühl kann dem Arzt helfen zu erkennen, dass Sie ein „15 min Fall“ sind, ein „ein 3 Stunden Fall“ oder sogar ein Fall, bei dem Anderes ausgeschlossen werden muss. Manchmal mag der Teufel ein Eichhörnchen sein, wie das Sprichwort sag, und treibt seine Späße. Was wir in diesem Fall tun können, ist ihn in den Ästen zu entdecken, so gut er sich auch versteckt.

Wenn ich Ihnen dazu für den kommenden Atemtest eins mitgeben darf, auf das Sie achten sollten, dann achten Sie auf sich und Ihren Bauch. Ihr Arzt, Ihr Bauch und auch Ihr zukünftiges Ich wird es Ihnen danken.

Quellen:

[1]Law, D., Conklin, J., & Pimentel, M. (2010). Lactose intolerance and the role of the lactose breath test. Official journal of the American College of Gastroenterology| ACG, 105(8), 1726-1728.

[2] Corazza, G. R., Sorge, M., Strocchi, A., Lattanzi, M. C., Benati, G., & Gasbarrini, G. (1990). Methodology of the H2 breath test. II. Importance of the test duration in the diagnosis of carbohydrate malabsorption. The Italian journal of gastroenterology, 22(5), 303-305.

[3]Oberacher, M., Pohl, D., Vavricka, S. R., Fried, M., & Tutuian, R. (2011). Diagnosing lactase deficiency in three breaths. European journal of clinical nutrition, 65(5), 614-618.

[4] Hammer, H. F., Fox, M. R., Keller, J., Salvatore, S., Basilisco, G., Hammer, J., … & European H2‐CH4‐breath test group. (2021). European guideline on indications, performance, and clinical impact of hydrogen and methane breath tests in adult and pediatric patients: European Association for Gastroenterology, Endoscopy and Nutrition, European Society of Neurogastroenterology and Motility, and European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition consensus. UEG Journal.

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