Ein Blick in den Zaubertopf: Wie wirkt Depot – Laktase

von Martin Lipsdorf in der Vorweihnachtszeit 2021

Depot – Laktase klingt nach einer ganz zauberhaften Idee von einer guten Fee. Betroffene nehmen einmal am Tag Laktase und können dann, so die Hoffnung, einige Zeit lang essen ohne noch mal Laktase nehmen zu müssen.

Dieser Artikel hilft Ihnen Depot – Laktase oder auch Langzeit – Laktase zu verstehen. Er zeigt Ihnen:

  • wie diese Präparate funktionieren
  • welchen Nutzen Sie versprechen
  • die Herausforderungen, die sich im Alltag damit ergeben
  • warum wir sie bewusst nicht anbieten (obwohl wir es könnten, wenn auch nicht so grazil wie unsere Fee)

Der Artikel dient dazu ein Stück weit den Schleier der „neuen Laktase“ zu lüften und zu zeigen, ob die Idee im Alltag den Versprechen standhält.

Wie Depot – Laktasen arbeiten

Wenn Sie schon mal eine Vitamin C Depot Kapsel oder Tablette genommen haben – die Werbung seit den 90ern kennt eine berühmte Marke mit C – dann kennen Sie den Mechanismus der Depotpräparate.

Derselbe altbekannte Mechanismus aller Retardkapseln und Retardtabletten wird auch für Depot – Laktase verwendet. Der Wirkstoff, hier also Laktase, wird verkapselt oder verpresst. Füllstoffe, wie mikrokristalline Cellulose, Hydroxypropylmethylcellulose und Hydroxypropylcellulose werden dabei eingesetzt, um die Schnelligkeit, mit der die Laktase aus der Kapsel oder Tablette frei wird, zu verlangsamen.

Stellen Sie es sich so vor, als müsste die Laktase erst mal Ihren Weg durch ein Labyrinth finden. Die Füllstoffe verlangsamen die Freisetzung der Laktase. Sie wird „retardiert“. Im eigentlich Sinn ist der Name „Depot“ Laktase also zwar wohlklingender als „Retard“ Laktase, aber weniger richtig.

Er suggeriert, dass Betroffene damit ein Depot haben können, das Laktase freisetzt, vielleicht sogar erst, wenn eine kleine Reserve „frischer Laktase“ nötig ist.

Dieses Depot gibt aber nur einen Teil davon verteilt über eine längere Zeit ab, wie auch die Retard Vitamin C Kapseln. Dabei ist es gleich, ob sie gerade essen oder auch nicht. Ihr „Depot“ wirkt nicht bei Bedarf, sondern gibt stoisch jede Sekunde etwas Laktase ab – auch wenn es gerade nicht nötig wäre.

Der versprochene Nutzen von Langzeit – Depot – Laktase

Die Versprechen, die für solche Laktasen gegeben werden, klingen zunächst nach einer immensen Erleichterung.

  1. Die Depot – Laktase würde sofort wirken und das über 4 – 6 Stunden. Es suggeriert, dass man etwa am Morgen um 9 eine Kapsel nehmen und damit den Vormittag über essen kann, vielleicht sogar noch ein Mittagessen, wenn man nur im Zeitfenster bleibt. Man müsste dann nicht mehr an Laktase denken.
  2. Die Laktase würde sicherer wirken, weil sie „Laktosereste“ im Darm verdaut. Das wird als „natürlicher“ dargestellt, weil im Darm auch die körpereigene Laktase wirksam werden würde, die bei uns Laktoseintoleranten nicht mehr funktioniert.

Im Alltag ergeben sich hier jedoch, wenn man also die Versprechen wirklich nutzen möchte, Probleme. Als Betroffene nehmen wir Laktase dann, wenn mehr Milchzucker enthalten ist, als wir vertragen würden. Kleine Portionen können wir auch ohne Hilfsmittel vertragen lernen. Aber bei großen Mahlzeiten hilft Laktase unserem Körper, die Laktosemenge so weit zu senken, dass keine Sorgen dabei entstehen.

Die Laktase, die in Nahrungsergänzungen verwendet wird, ist eine sogenannte „säureaktive“ Laktase. Sie wirkt im sauren ph-Milieu des Magens oder anders gesagt: Sie wirkt am besten mit einem Schuss Magensäure. Ihr Magen beginnt, die Mahlzeit zu verdauen und setzt dafür Magensäure frei. Er produziert immer mehr Magensäure bis es irgendwann auch für Laktase zu unwirtlich wird und die Wirkung leidet. Zum Ende der Verdauung der Mahlzeit hin verdauen unsere körpereigenen Enzyme unterstützt von der Magensäure die Laktase und sie verliert ihre Wirkung.

Die Logik der Depot – Laktasen, dass immer wieder Laktase freigesetzt wird, hinkt hier aus meiner Sicht: Es suggeriert, dass verbrauchte Laktase mit „frischer Laktase“ nachgefüllt wird. Das klingt gut, doch Laktase verbraucht sich nicht, solange die Bedingungen im Magen noch gut sind.

Laktase wirkt nicht etwa wie eine Kopfschmerztablette – also nach dem Motto: je mehr ich nehme, desto besser wirkt sie und nach der Wirkung ist sie verbraucht. Ein Laktasemittel, das die Laktase sofort freisetzt, ist nicht „verbraucht“ nach ein paar Minuten, sodass die Laktase ersetzt werden muss (wie es ein Depot suggeriert). Die Laktase wirkt so lange munter weiter, solange es ringsherum im Magen nicht zu viel Säure gibt und die körpereigenen Enzyme noch gut mit dem Essen beschäftigt sind.

Solange die Arbeitsbedingungen gut sind, macht Laktase Ihre Arbeit also recht fleißig immer und immer wieder.

Erst wenn die Verdauung fortgeschritten ist, wird die Arbeit immer langsam, bis es am Ende im Magen so unwirtlich ist, dass die Wirkung stark nachlässt und die Laktase zu Schaden kommt.

Doch: was immer ein Depotmittel dann auch freisetzt, das findet im Magen dieselben schwierigen Bedingungen, die der Wirkung sehr abträglich sind. Die Laktase aus ihrem Depot kommt zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt und zumindest zum Teil zu spät.

Hier liegen meine ersten Zweifel mit Depot – Laktasen:

  • Sie verzögern die Zeit, die Laktase zum Wirken hat, obwohl mehr Zeit und gerade Zeit am Anfang, wenn der Magen noch nicht allzu viel Säure produziert hat, am besten für die Wirkung wäre.
  • Stattdessen setzen sie die Laktase erst langsam frei und auch dann noch, wenn die Bedingungen für die Wirkung (also der ph-Wert, die „Säuremenge im Magen“) nicht mehr gut sind und die Laktase langsamer oder nicht mehr wirkt. Wäre die Laktase ein Handwerker, dann ein Schlimmer: Sie kommt zwar später, aber arbeitet dafür auch langsamer.

Ausgeglichen wird das, indem einfach mehr Laktase in jede Tablette gegeben wird, um so auszugleichen, dass ein Teil zur falschen Zeit am falschen Ort sein wird: im Magen, spät, wenn es der Laktase nicht gut ergeht. Durch die hohe Dosierung mag das alles am Ende aufgehen. Doch macht das Langzeit – Depot – Laktasen zu einer besseren Darreichung? Eher nicht, denn jedes Sofortpräparat würde die Laktase direkt freisetzen.

Die Hersteller der Depot-Laktasen kombinieren deshalb teilweise das Depot mit einer Sofortwirkung und bieten auch Sofortlaktasen ohne Depot. Diese Mittel mit direkter Freisetzung oder auch unsere Millis können sofort munter arbeiten, während die Langzeit-Laktase noch gar nicht losgelegt hat, bis die Bedingungen schlechter werden. Auch für die Langzeit-Laktase, die dann vielleicht gerade in den Startlöchern steht.

Mehr als dieses – sagen wir – schlechte Timing der Depot-Laktasen stört mich jedoch ein anderer praktischer Zusammenhang. Die Hersteller werben damit, dass die Laktase im Darm noch weiter restliche Laktose aufspaltet. Dazu muss die Laktase zu einem nennenswerten Teil die Magenverdauung überleben, was recht wahrscheinlich ist, wenn man mit Zeitversetzung arbeitet.

Cui bono – Wem nutzt es

Geworben wird damit, dass man bis zu 4–6 Stunden sicher ist. Essen wir also ein gutes Frühstück um 6 Uhr, dazu eine Depot-Laktase, dann erweckt es das Gefühl, dass wir bis 10 oder 12 Uhr noch geschützt sind.

Doch der Magen verdaut und der Speisebrei wird mit der Zeit eine Station weiter, in den Dünndarm, transportiert – mit ihm auch das Depot, das in ihm herumschwimmt und verteilt ist. Damit werben die Hersteller auch, um Laktosereste im Darm zu bekämpfen. Essen wir jedoch um 9 Uhr wieder etwas, dann ist die Mahlzeit zuerst im Magen – die letzte Mahlzeit und das Depot aber schon ein Stück weiter im Darm. Das Depot und die neue Mahlzeit treffen sich vielleicht noch zum Teil oder verpassen sich ganz. Für die Sorgen, die so ein schlechtes Timing auslöst – einen Tag auf der Toilette oder furchtbare Krämpfe – ist mir das zu unsicher für unsere Betroffenen.

Geworben wird deshalb damit, dass man mit dem Depot eher nur für einen kleinen Snack zwischendurch abgesichert ist. Hier liegt mein mit Abstand größtes Problem mit den Depot-Mitteln:

Nahezu alle Betroffenen können einen kleinen Snack ohne Symptome und ohne jede Laktase vertragen oder es lernen. Das bestätigen uns 21 Studien, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und sogar der Europäische Sachverständigenrat für Lebensmittel (EFSA) in seiner Analyse der Studien zu Laktoseintoleranz. Während es also für einen kleinen Teil der Betroffenen, die oft leider mit noch anderen Krankheiten geschlagen sind, schwierig ist, Snacks zu naschen, wird für die absolute Mehrheit etwas als Vorteil verkauft, was sie auch ohne jede Laktase können.

Kleinste Mengen Laktose und auch Laktosereste, vor denen die Depot-Laktase uns schützen will, sind für einen gesunden Dickdarm weniger problematisch – dazu finden Sie hier einen Artikel. Erst eine größere Menge überlastet unseren Darm und führt zu den Beschwerden, die uns oft genug mit Wärmflasche ins Bett schicken oder auf die Toilette.

Hier liegt der Hauptgrund dafür, warum wir keine Depotlaktase anbieten: Ich versuche zusammen mit unseren Bestellern immer wieder die kleinen Schritte zu einem freieren Umgang mit Laktoseintoleranz zu gehen. Sie sollen weder ständige Angst vor Laktose haben müssen, noch immer Laktase benötigen, sondern eben dann, wenn es mal eine große Nascherei gibt.

Für unsere Besteller wünsche ich mir, dass unsere Laktase nur das Depot ergänzt, dass jeder von Ihnen in Ihrem oder seinem Bauch schon hat ohne dazu eine Tablette zu benötigen.

Wenn Sie so wollen: wir raten Ihnen statt zur Einnahme einer Depot-Laktase dazu, Ihr körpereigenes Laktasedepot im Darm zu nutzen. Sie ist das eigentlich Zauberhafte, fast etwas magische, zumindest aber ganz wunderbare, das Sie seit Ihrer Geburt begleitet.